Buddhismus

„Die Tatsache, dass der Mensch neben der Gesamtheit seiner mentalen und emotionalen Erfahrungen oder Wahrnehmungen einen Begriff „Ich" produziert, beweist nicht, dass hinter einem solchen Begriff eine spezifische Existenz stehen muss. Wir erliegen den Illusionen, die unsere selbst geschaffene Sprache erzeugt, ohne dass wir etwas besser verstehen. Der größte Teil der sogenannten Philosophie ist auf diese Art von Irrtum zurückzuführen.“
                                                                              Albert Einstein

Nachdem ich als Mönch in einem japanischen Zen-Kloster gelebt habe, fallen mir in Europa immer wieder Missverständnisse in Bezug auf den Buddhismus auf. 
Der Buddhismus ist ein intelligentes und pragmatisches System, um die grundlegende Unzufriedenheit des Menschen aufzulösen, indem man das Wesen des menschlichen Bewusstseins erkennt. Die Funktion des Denkens ist es, zu ur-teilen, also etwas ursprünglich Ganzes in künstlich geschaffene Teile zu zerlegen. Während das menschliche Denken ein großartiges Werkzeug ist, ist es auch die Quelle unserer ewigen Unzufriedenheit, da wir die vom Verstand geschaffenen Aufteilungen für die Wirklichkeit halten und den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen.
Es ist irreführend, den Buddhismus als Religion zu bezeichnen, da er sich grundlegend von dem unterscheidet, was wir normalerweise darunter verstehen. Es gibt im Buddhismus keine metaphysischen Dogmen oder festgelegten Glaubenssätze. Es geht nicht um irgendwelche Theorien. Wenn Gäste in unserem Kloster fragten, wer die Figur auf dem großen Altar sei, erhielten sie oft die Antwort: „Das bist du.” 
Manchmal hört man, dass Buddhisten an Reinkarnation glauben, aber das ist vollkommen irrelevant und einfach Teil der asiatischen Kultur. Japanische Mönche haben allenfalls scherzhaft von Wiedergeburt gesprochen oder sie als Metapher für Vergänglichkeit benutzt. 
Selbst die im Westen selten infrage gestellte Vorstellung, dass es im Zentrum unserer Erfahrung ein „Ich” gibt, gilt im Buddhismus als Aberglaube. Das „Ich“ ist eine Illusion ohne wirkliche Substanz. Die Vorstellung von einer zentralen Steuerungsstelle im Körper oder Geist ist eine Fiktion, die uns unsere eigene Sprache aufdrängt, einer kritischen Analyse jedoch nicht standhält. Tatsächlich sind wir ein sich ständig veränderndes, komplexes System ohne Zentrum. Oder, um es mit den Worten des Buddhismus etwas poetischer auszudrücken: Wir sind Erde, Wasser, Feuer und Wind.
Wenn es kein „Ich“ gibt, wer oder was wird dann überhaupt geboren – geschweige denn wiedergeboren? 
Das gesamte Universum wird in jedem Augenblick wiedergeboren.
Der berühmte Satz von Descartes „Ich denke, also bin ich“ ist eine logische Fehlleistung. Obwohl er seine Schlussfolgerung bereits als Prämisse vorausgesetzt hat, wird dies als große philosophische Leistung angesehen. Das liegt daran, dass wir den Glauben an ein handelndes Subjekt so verinnerlicht haben, dass uns der Satz logisch erscheint, obwohl er es nicht ist. In einer Kultur, in der eine Regengöttin für den Regen verantwortlich ist, wäre die Aussage „Sie macht Regen, also existiert sie” selbstverständlich. Der Denkfehler ist hier offensichtlich. Aber ebenso wenig, wie sich aus dem Fallen von Wassertropfen ein handelndes Subjekt herleiten lässt, lässt sich aus dem Kommen und Gehen von Gedanken ein handelndes Subjekt herleiten.

Was sehen wir, wenn wir uns vorstellen, dass wir gerade erst geboren wurden und noch kein einziges Wort kennen?
Es ist gar nicht leicht, sich das vorzustellen, da wir automatisch einen „Tisch", einen „Baum" oder ein „Fenster" sehen.

Gibt es da irgendwelche Probleme?
Gibt es da auch nur so etwas wie „Zeit“ und „Raum“?
Gibt es da ein wahrnehmendes Subjekt?

Die Erfahrung, bevor die Sinneseindrücke durch unsere Begriffe interpretiert werden, wird im Buddhismus manchmal als „Realität“ bezeichnet.
Mit der Zeit lernt ein Kleinkind, Worte zu verstehen. Das sind kulturelle Erfindungen, mit denen Menschen versuchen, die bunte Formenwelt um uns herum zu beschreiben. Scheinbar liegt die Bedeutung der Worte in der Realität begründet, aber tatsächlich ist die Realität frei von jeder Bedeutung. Sinn oder Bedeutungsinhalte werden in die Realität hineinprojiziert und legen sich wie ein dichter Schleier darüber. Auch das Wort „Realität“ ist nur eine abstrakte Idee. Nichts hat von sich aus eine Bedeutung, sondern diese wird erst durch Worte geschaffen. Die Bedeutung liegt im Auge des Betrachters. So wie jemand, der in den Wolkenhimmel schaut und den einzelnen Wolken Namen gibt. Niemand würde glauben, dass die Wolken wirklich so heißen, geschweige denn ein Drama daraus machen, was mit den einzelnen Wolken passiert. Wer einmal eine Sprache aus einer anderen Sprachfamilie gelernt hat, kennt die Faszination, wenn man feststellt, dass bestimmte Wörter nicht übersetzbar sind, weil es in der anderen Sprache schlichtweg kein Wort mit einer vergleichbaren Bedeutung gibt.
Es gibt einen riesengroßen Unterschied zwischen der Realität und der Beschreibung, sowie eine Landkarte nicht das Gleiche ist wie die Landschaft und eine Speisekarte etwas anderes ist als der Geschmack des Essens.
Die Ekstase und das grundlose Glück, die man in den Augen kleiner Kinder bewundern kann, sind unser natürlicher Zustand, der mit der Zeit verloren geht, weil wir statt der Realität nur noch unsere eigenen Projektionen wahrnehmen, die zunehmend eine Bewertung beinhalten. Die ganze Welt wird in positiv und negativ aufgeteilt, wodurch das Leben zu einem niemals endenden Kampf wird. Ohne es zu merken, verfangen wir uns im Netz unserer eigenen, bedeutungsschweren Gedanken. Die Wurzel aller Probleme ist die Annahme eines vom Rest des Universums getrennten „Ichs”. Es gibt keine frei herumlaufenden, herrenlosen Probleme, sondern sie benötigen einen Besitzer. Ohne jemanden, der das Problem hat, gibt es kein Problem. Das Universum ist weder „gut” noch „schlecht”. Es ist einfach das, was es ist.
Worte an sich sind nicht das Problem, denn sie sind zweifellos nützlich – etwa wenn wir einen Kaffee bestellen möchten. Die Bedeutung von Begriffen für die Kommunikation und das allgemeine Funktionieren des Menschen ist unbestreitbar. 
Probleme und Unzufriedenheit entstehen, weil wir die in unserer Kultur erlernten Beschreibungen für die Wirklichkeit halten, statt sie als das zu sehen, was sie sind: Fantasiegebilde. Während uns das bei einer „Regengöttin” vielleicht noch plausibel erscheint, hört der Spaß bei „Geld” auf. In einer anderen Kultur gibt es möglicherweise keinen Zweifel daran, dass die Regengöttin für den Regen verantwortlich ist, während man sich über unsere Vorstellung von „Geld” nur lustig macht. Sobald wir die Augen öffnen, sehen wir statt Formen und Farben eine Welt, die aus unseren eigenen Geschichten besteht. Wir werden zum Opfer unserer eigenen betonierten Weltanschauung, ohne es auch nur zu bemerken.
Wir können aber unseren natürlichen Zustand des Nirwanas wiederfinden, indem wir uns von den Fesseln dieser Projektionen befreien und die tief sitzenden Denkgewohnheiten und Konditionierungen durchschauen, die unsere Sicht auf die Realität vernebeln. Das bedeutet nicht, dass man nicht mehr klar denken kann. Die eigene Gedankenwelt hört nur auf, ein Gefängnis zu sein. Die große Befreiung des Buddhismus ist eine Freiheit von inneren Zwangsvorstellungen, eine Freiheit von Ego, Angst und festgelegten Denkmustern. Wenn wir keine Sklaven unserer eigenen Gedanken sind und diese keine übertriebene Aufmerksamkeit bekommen, wird der Geist weich und flexibel und es gibt weder „Zufriedenheit“ noch „Unzufriedenheit“, weder „Leben“ noch „Tod“. 
Vor etwa 2500 Jahren ist ein Inder namens Siddhartha Gautama aus der Traumwelt seiner eigenen Projektionen „erwacht“ und wurde später mit dem Sanskritwort „Buddha“ bezeichnet, was „der Erwachte“ bedeutet. Seitdem hat es viele weitere „Buddhas“ gegeben.

Einige klassische buddhistische Begriffe haben sich in den letzten beiden Jahrtausenden bewährt und sind hilfreich, um weiter einzusteigen:

Upaya                           

 „Was Dada ist, wissen nicht einmal die Dadaisten, sondern nur der Oberdada – und der sagt es niemandem!“
                                                                                            Johannes Baader

Das Sanskritwort „Upaya“ bedeutet so etwas wie geschickte oder nützliche Hilfsmittel. Wenn alle Begriffe und Ideen als Projektionen durchschaut werden, erübrigt sich die Einteilung von bestimmten Lehren in „richtig“ oder „falsch“.
Sie können aber nützlich oder hilfreich sein, indem sie beispielsweise darauf hinweisen, dass eine Vorstellung oder Weltsicht, an die sich jemand klammert, vielleicht doch nicht so in Stein gemeißelt ist, und einen Weg aufzeigen, wie sie transzendiert werden kann. 
Daher gibt es für die buddhistischen Lehren auch die Metapher der Medizin, die lediglich dazu gut ist, eine bestimmte Krankheit zu heilen, während sie für andere Krankheiten völlig unnütz oder sogar schädlich ist. Wenn die Krankheit geheilt wurde, muss man aufhören, die Medizin zu nehmen, da sie einen sonst krank macht. Wie ein Boot, mit dem man ein Gewässer überquert, lässt man den Buddhismus hinter sich, wenn er seinen Zweck erfüllt hat. Die Lehren sind nicht dazu gedacht, alte Glaubensvorstellungen abzulösen. Wenn jemand fest an die buddhistische Lehre glaubt, ist etwas nach hinten losgegangen. Es ist, als würde jemand das Rezept für eine Medizin einrahmen und an die Wand hängen. Die Vorstellung, dass alle Worte nur Projektionen sind, ist eine Illusion, kann aber dabei helfen, andere Illusionen zu durchschauen.
Da sich die als provisorische Hilfsmittel gedachten Lehren dennoch oft zu Dogmen verfestigen, gibt es ganze Bibliotheken mit buddhistischen Schriften, in denen andere Lehren negiert, widerlegt und verflucht werden, bis jede Idee vollständig dekonstruiert ist. Ein berühmter chinesischer Mönch hat sogar gesagt, er hätte den historischen Buddha totgeschlagen und ihn den Hunden zum Fraß vorgeworfen.
Am Ende kommt man hinten wieder raus und eine Rose ist eine Rose, weil sie keine Rose ist – oder so ähnlich.
Ein Studium der Schriften als rein intellektuelle Beschäftigung ist sinnlos. Das ist so, wie in ein Restaurant zu gehen, das Menü zu lesen und dann wieder rauszugehen. Es geht nicht darum, irgendetwas zu verstehen, sondern darum, es tatsächlich selbst zu schmecken. Die gesamte buddhistische Lehre besteht nur aus provisorischen Hilfsmitteln, die je nach Situation nützlich und hilfreich sind oder eben nicht.

Dukkha

„Life is a bitch and then you die.“

 
„Dukkha“ wird traditionell mit „Leiden“ übersetzt, was aber nur sehr grob die Richtung trifft. Es umfasst alle unangenehmen Erfahrungen wie Stress, Sorgen, Unzufriedenheit, Sehnsucht, Trauer, Angst, Krankheit oder Tod.
Wenn man weiß, dass „Dukkha“ auch Glück und Zufriedenheit bedeuten kann, wird klar, dass der Begriff nicht so leicht zu übersetzen ist. Die Idee dahinter ist, dass jedes relative Glück, das von momentanen Umständen abhängt, nicht nachhaltig ist und sich unausweichlich wieder in sein Gegenteil verwandeln wird. Außerdem enthält diese Art von abhängiger Zufriedenheit immer eine subtile Angst vor dem sicheren Ende der entsprechenden Umstände.
Erstaunlicherweise macht es für den Grad unserer Zufriedenheit oder Unzufriedenheit keinen Unterschied, ob wir auf einer Luxusyacht oder auf einem Nagelbrett sitzen, obwohl wir das intuitiv ganz anders bewerten.
Der Buddhismus wird manchmal als pessimistisch angesehen, weil er das Leiden betont. Dabei geht es nur darum, die Situation realistisch zu sehen, die Ursache zu erkennen und eine Lösung zu finden. Im Gegensatz dazu basiert der Großteil der modernen westlichen Kultur auf Verdrängung. Aber Konsum, Unterhaltung, Alkohol, Arbeit oder sogar „Spiritualität" zu benutzen, um seinen eigenen Gefühlen, der Langeweile, Einsamkeit oder der Angst vor dem Tod davonzulaufen, funktioniert letztlich nicht.

Avidya

 „The day you stop racing, is the day you win the race.“                                             
                                                                                                          Bob Marley

„Avidya“ gilt als Ursache für Dukkha und wird traditionell mit „Unwissenheit“ oder „Verblendung“ übersetzt. Auch hier gibt es ein Problem mit der Übersetzung: Mit „Unwissenheit“ ist nicht gemeint, dass wir etwas nicht wissen. Vielmehr ist damit der falsche Glaube oder die Illusion gemeint, etwas zu wissen. Passender wären daher die Begriffe „Täuschung“ oder „Missverständnis“, nämlich das Missverständnis, die vom eigenen Geist geschaffenen Unterscheidungen und Definitionen für die Wirklichkeit zu halten. Wir werden von unseren eigenen Gedanken getäuscht und geblendet. Was uns fehlt, ist nicht noch irgendein zusätzliches Wissen, sondern die Weisheit, all unser gesammeltes Wissen als relativ und letztlich als Selbsttäuschung zu erkennen. Unser Wissen ist zwar ein praktisches Werkzeug, aber nicht die Wahrheit. Hinter jedem Unglück und jeder Unzufriedenheit steckt eine Idee, mindestens die Vorstellung von einem „Ich“, und meist noch eine ganze Reihe anderer Wahnideen. Die Ursache für unser Elend liegt in uns selbst und nicht in den äußeren Umständen, obwohl uns unsere gesamte Kultur ständig das Gegenteil einflüstert. 
„Himmel” und „Hölle” sind Produkte unseres eigenen Geistes.
Dieses Missverständnis erzeugt Wünsche und Abneigungen, Liebe und Hass. 
Nachdem wir das Universum durch unsere fantasievollen Erfindungen in verschiedene Schubladen aufgeteilt haben, werden diese bewertet und in zwei Lager eingeteilt: Die, die wir haben wollen und die anderen, die wir nicht haben wollen, gut und böse, plus und minus. Dann laufen wir wie die Esel der Karotte hinterher und versuchen, die positiven Seiten zu bekommen und die negativen loszuwerden. Wir wollen nur die schöne Seite der Medaille. Selbst wenn wir es schaffen, die gesamte Minus-Hälfte im Universum loszuwerden, teilen wir die verbleibende Plus-Hälfte sofort wieder in zwei Hälften auf und rennen weiter im Hamsterrad. Vor allem in uns selbst finden wir ständig Gefühle und Gedanken, die wir gern mögen, und andere, die wir nicht mögen – eigentlich absurd, wenn ein Teil von uns einen anderen Teil beobachtet und bewertet. Unser Ego sagt uns, dass wir dieses oder jenes erreichen müssen. Ohne Pause suchen wir den Heiligen Gral hinter den sieben Bergen und sehen nicht, dass wir ihn bereits in der Hand halten.
Ausgerechnet im Zen-Kloster habe ich zum ersten Mal erfahren, was es heißt, wirklich grundlos glücklich zu sein, obwohl die äußeren Umstände eher unerquicklich waren: Frostbeulen im Winter und harte Arbeit in der japanischen Sommerhitze.
Die eigenen Bewertungen als Projektion zu erkennen, bedeutet nicht, dass dann alles egal ist. Das wäre nur eine weitere verrückte Projektion. Ganz im Gegenteil: Erst wenn man aufhört, seinem vermeintlichen Vorteil hinterherzujagen und seine „Wahrheit“ durchzusetzen, ist ethisches Handeln möglich. Ohne egozentrischen Blickwinkel bleibt einfach das natürliche angeborene Mitgefühl des Menschen übrig.

 Sunyata

 „Heilsam ist das Verstummen aller Ideen. Das Ende der Projektion von Konzepten auf die Realität ist Frieden. Der Buddha hat keine Lehre verkündet.“
                                                                                                                      Nagarjuna

Das Münchhausen-Trilemma besagt, dass wir nichts wirklich begründen können. Jeder Versuch, etwas letztendlich zu begründen, endet entweder in einem logischen Zirkelschluss, einer endlosen Reihe von Gründen ohne Anfang oder einem Dogma. 
Selbst der Versuch, ein einziges Wort zu definieren, endet in einem Zirkelschluss oder einer endlosen Abfolge. Um ein Wort zu definieren, brauchen wir andere Begriffe, die ebenfalls erst definiert sein müssen und so weiter. Unser gesamtes Denken ist auf Sand gebaut, ohne auch nur den Hauch eines festen Fundamentes.
„Sunyata“ wird gewöhnlich mit „Leere“ übersetzt und auch hier ist die Übersetzung problematisch. Gemeint ist eine Substanzlosigkeit in dem Sinne, dass es in einem Universum, in dem sich alles verändert, keinen festen bleibenden Punkt gibt. So wie bei Wellen im Meer gibt es nichts, das eine eigene Essenz oder einen bleibenden Wesenskern hat – uns selbst eingeschlossen. Das bedeutet nicht, dass etwas nicht existiert, sondern nur, dass sich nichts definieren, eingrenzen oder trennen lässt. Alles fließt uns durch die Finger, wenn wir es erfassen wollen, da alles nur relativ und in gegenseitiger Abhängigkeit zu etwas anderem wahrgenommen werden kann.  Während alles fließt und sich dreht, schwingt, wabert und leuchtet, konstruieren wir kleine Quadrate und schrauben Griffe daran. „Sein oder Nichtsein“ sind intellektuelle Ideen, die erst durch ihren Gegensatz eine Bedeutung gewinnen. Jedes Wort zieht eine künstliche Trennlinie in den Sand, wodurch erst die eine und die andere Seite entstehen. In einem Universum, in dem sich in jeder Nanosekunde alles verändert, sind es einzig unsere abstrakten Begriffe, die uns das trügerische Gefühl geben, dass irgendetwas bleibt. 
Der indische Mönch Nagarjuna machte den Begriff der Leere im 2. Jahrhundert populär. Neben dem historischen Buddha gilt er als die wichtigste Figur des Mahayana-Buddhismus. Mit seiner präzisen Logik widerlegte er alle alltäglichen, philosophischen und buddhistischen Ansichten seiner Zeit – meist durch Reductio ad absurdum – und weigerte sich, selbst eine These aufzustellen. Er betrachtete den von ihm geprägten und häufig verwendeten Begriff der „Leere” ebenso wie alle anderen Begriffe nur als Mittel der Kommunikation und warnte ausdrücklich davor, ihn als eigene Theorie zu verstehen. Die Leere ist nur eine provisorische Bezeichnung für die Abwesenheit von etwas, das sich definieren oder aussagen ließe. Auch sie hat keine Substanz und ist keine letztgültige Wahrheit, sondern sie ist selbst leer.
Dies wird manchmal als Nihilismus missverstanden. Theorien, nach denen nichts existiert oder es keine Wahrheit gibt, sind aber nur weitere Sichtweisen, die Nagarjuna ausdrücklich abgelehnt hat.
Dabei waren seine logisch philosophischen Abhandlungen kein Selbstzweck, sondern es ging ihm um die Befreiung der Menschen aus ihrem selbstverursachten Unglück.

In tibetischen Traditionen wird oft praktiziert, die eigenen Grundüberzeugungen logisch zu untersuchen. Was ist es denn eigentlich genau, das wir „Ich“ nennen? Wir sagen, dass wir einen Körper und ein Bewusstsein haben. Also ist das „Ich“ irgendwo außerhalb von Körper und Bewusstsein? Wo soll das sein? Oder sind wir Körper und Geist? Aber was genau? Sind wir die einzelnen Teile? Die Gedanken, Gefühle, Herz und Gehirn? Welches Teil genau ist es, was wir „Ich“ nennen, und welches nicht? Nach einer Herztransplantation haben wir ein neues Herz, aber was würde bei einer Gehirntransplantation passieren? Wo ist der Wesenskern, der wirklich das „Ich“ ausmacht? Wenn wir den Glauben, das Geschlecht und den Namen wechseln, sind wir trotzdem das gleiche Ich? Ein alter Greis hat außer dem Namen weder körperlich noch geistig irgendetwas mit dem Baby zu tun, das er mal war. Alle Bestandteile sind vollkommen ausgetauscht. Ist das „Ich“ dann ein anderes als vorher? Und wann ist es ein anderes geworden? Gibt es wirklich einen „Denker“, der außerhalb und unabhängig von den Gedanken existiert, und wenn ja, was ist das und wo ist der?
Wenn man sich eine Weile ernsthaft und nicht nur oberflächlich intellektuell mit solchen Fragen auseinandersetzt und das gewohnte Glaubenskonstrukt mitsamt allem, was man bisher für selbstverständlich hielt, davonschwimmt, kann ein Gefühl der Unsicherheit und Haltlosigkeit entstehen. Sich an nichts festhalten zu können, fühlt sich an wie ein freier Fall ohne Fallschirm. Glücklicherweise gibt es unten keinen harten Boden und irgendwann entspannt man sich in der neuen Freiheit. Ernsthafte Zweifel an der gewohnten Vorstellung der eigenen Existenz können Ängste auslösen. Obwohl nur das illusionäre Ego betroffen ist, wehrt es sich mit allen Mitteln und klammert sich ans Lenkrad, aber die Angst vor Kontrollverlust beruht auf der verrückten Annahme, dass es zwei „Ichs“ gibt, von denen das eine das andere kontrolliert. 
Manche Projektionen haben sich so tief in unserem Unterbewusstsein verankert und sind in unserer Kultur so selbstverständlich, dass wir gar nicht ahnen, dass es sie gibt. Es ist wie bei jemandem, der sein ganzes Leben eine grüne Brille getragen hat und keine Ahnung hat, dass es auch andere Farben gibt. Plötzlich die Brille abzunehmen, ist dann, als stünde man am Rand einer hundert Meter hohen Klippe und macht einen Schritt nach vorne.

Wenn alle Projektionen verschwinden, ist das auch das Ende von Dukkha.

 Dhyana

„Alles ist gut. Der Mensch ist unglücklich, weil er nicht weiß, dass er glücklich ist. Nur deshalb. Das ist alles! Wer das erkennt, der wird glücklich sein, sofort, im selben Augenblick.“

                                                                                                                Fjodor Dostojewski


Aus dem Sanskritwort „Dhyana“ sind das chinesische „Chan“ und später das japanische „Zen“ entstanden und es wird oft mit „Meditation“ übersetzt. In dem Zen-Kloster, in dem ich gelebt habe, wurde das Wort „Meditation” vermieden, da es häufig für Techniken verwendet wird, die darauf abzielen, besondere Bewusstseinszustände zu erreichen und nur über einen bestimmten Zeitraum hinweg angewendet werden. Wir haben stattdessen „Sitzen” gesagt, da sich außer der Körperhaltung nichts vom Rest des Tages unterschied. Mehrmals im Jahr saßen wir eine Woche lang schweigend vor einer Wand. Und sonst haben wir schweigend gearbeitet.
Der Großteil dessen, was als „buddhistische Meditation“ bezeichnet wird, gehört eigentlich in den Wellnessbereich. Es ist natürlich nicht verwerflich, wenn sich jemand durch Meditation entspannt oder einen Zustand der Ruhe erreicht. Aber genau wie bei jemandem, der zum ersten Mal einen neuen Ferrari fährt und sich dabei gut fühlt, steckt dasselbe Missverständnis dahinter. Zunächst wird ein Vergleich zwischen dem, was besser ist, und dem, was schlechter ist, definiert. Dann arbeiten wir uns endlos daran ab, obwohl das, was noch besser ist als unsere bisherigen Erfolge, natürlich bis zum Ende unserer Tage irgendwo weit weg am Horizont bleibt. Dieser Prozess vergrößert die Unzufriedenheit nur. Ein erstrebenswerter Zustand existiert immer nur relativ im Vergleich zu einem weniger guten Zustand. Nicht wenige Menschen, die durch Meditation einen außergewöhnlich wunderbaren Zustand erreicht haben, leiden später darunter, dass sie ihn nicht mehr erleben können.
Grundsätzlich ist es nicht nötig, seinen gewohnten Lebenswandel zu ändern und Buddhist zu werden, sondern man kann einfach auf seinem Bürostuhl oder seiner Luxusyacht oder seinem Nagelbrett sitzenbleiben. Es braucht keine Räucherstäbchen, Mandalas, Bodhisattva-Statuen oder japanische Kutten. 
Eigentlich reicht es aus, die eigene Gedankenwelt und die Existenz eines „Ich“ als Illusion zu durchschauen, um von da an glücklich weiterzuleben und später in Frieden zu sterben. Leider funktioniert das aber für die meisten nicht oder endet in einer weiteren Selbsttäuschung. Daher sind im Laufe der Zeit Tausende von behelfsmäßigen Techniken entstanden. Ein großes Sammelsurium an verschiedenen Praktiken und Ritualen ist aber nicht nötig.
Ein chinesischer Mönch hat jahrelang jeden Morgen in den Spiegel geschaut und sich gefragt: „Meister, bist du wach?“ Dann hat er sich ermahnt: „Lass dich nicht täuschen!“ Das war seine einzige Übung. 
Oder es gibt die Empfehlung, einfach den Tag im Angesicht des Namenlosen zu verbringen.
Ein Mathematiklehrer hat einmal seine Sommerferien bei uns im Kloster verbracht und bekam als einzige Übungsanweisung die Aufgabe, dass er sitzen soll wie ein Idiot. Nach ein paar Wochen flehte er nach irgendeinem zusätzlichen Rat, aber sein Wunsch wurde abgelehnt. 
Im Soto-Zen besteht die Übung oft einfach darin, alles so zu lassen, wie es ist, und alle Ideen loszulassen. Man versucht nicht, etwas zu erreichen oder zu sein, sondern einfach zu sehen, zu hören, zu schmecken, zu riechen, zu fühlen und zu denken, egal ob man sitzt, steht, geht oder liegt.
Wer das schwierig findet, kann sich auch still hinsetzen und sich auf seine Atmung oder etwas anderes konzentrieren. Wenn man etwas tut, das Aufmerksamkeit erfordert, sollte man sich natürlich nur darauf konzentrieren. Beim Spazierengehen oder Sonnenbaden, im Wartezimmer oder Flugzeug kann man sich aber auf seine Atmung oder das Geräusch von Wind oder Regen oder Verkehrslärm oder einfach nur auf seine Nasenspitze konzentrieren. Bei der Arbeit kann man voll und ganz und so gut wie möglich seine Arbeit machen. Es gibt keine Sekunde im Leben, wo man nicht ganz bei der Sache sein kann.
Dabei sollte man aufpassen, dass man die Übung nicht zur Selbstoptimierung oder als Mittel zum Zweck missbraucht. Vor allem braucht man nicht sein eigenes Denken unterdrücken. Alles, was es zu erreichen gibt, ist schon da. Wir leben schon im „hier und jetzt“ und haben nie etwas anderes getan. Es gibt kein Nirwana irgendwo hinter den Wolken. Wenn wir mit dem, was heute ist, nicht klarkommen, wird es uns morgen garantiert auch nicht besser ergehen.
Es geht darum, den Abstand zwischen sich selbst und allem anderen zu beseitigen, bis man so damit verschmolzen ist, dass kein „Ich“ mehr übrig bleibt. Dann lösen sich alle anderen Projektionen mit auf.
Man kann sich auch auf die Frage „Wer bin ich?” konzentrieren oder auf jede andere Frage. Im Rinzai-Zen wird mit einem Problem praktiziert, auf das man sich vom Aufwachen bis zum Einschlafen konzentriert. Jedes Problem lässt sich auf diese Weise nutzen. Tatsächlich ist jede Idee einer „Übung” oder „Praxis”, bei der es nichts zu erreichen und nichts zu verlieren gibt, ein paradoxes Problem. Man nutzt das Problembewusstsein, um das Problem aufzulösen, indem man vollständig zum Problembewusstsein wird.
Entscheidend sind Motivation und Entschlossenheit, nicht die Art der Übung. Wer Tag und Nacht verzweifelt um den Sinn des Lebens ringt, braucht keine Übungsanleitung. Jeder muss für sich entscheiden, ob er sich täglich zehn Minuten Zeit nehmen möchte oder ob er nicht anders kann, als sich mit der Frage von Leben und Tod zu beschäftigen. Die meisten fangen klein an und entwickeln mit der Zeit ein größeres Interesse. 
Meister Eckhart, Rumi und einige andere hatten niemanden, der ihnen gesagt hat, was sie tun sollen und haben aus eigener Kraft die Dogmen und das Weltbild ihrer jeweiligen Kultur weit hinter sich gelassen. Wenn Meister Eckhart sagt, dass das Auge, mit dem er Gott sieht, und das Auge, mit dem Gott ihn sieht, dasselbe Auge ist, dann hat er sich wirklich von erlernten Denkschablonen befreit und ist sein eigener Meister geworden. 
Wer die Sinnlosigkeit von oberflächlichen Annehmlichkeiten und philosophischem oder politischem Gezänk durchschaut, Fragen hat und ernsthaft auf der Suche ist, praktiziert schon Buddhismus. Wer sein eigenes Weltbild nie ernsthaft anzweifelt und auf alles eine Antwort hat, tut das nicht.
Wenn man nicht glauben kann, jemals ein Buddha zu werden, obwohl wir genau das schon sind, muss man sich keine Sorgen machen. Sich erstmal aus dem gröbsten Elend zu befreien ist ein guter Start. Früher oder später lösen sich alle Wahnvorstellungen auf und zurück bleibt nur die Vergänglichkeit – auch Nirwana genannt.
Dabei ist jede Übung nur eine Krücke, die sich am Ende selbst überflüssig macht. Buddhistische Praxis führt so weit, dass kein Handelnder mehr übrig bleibt und Begriffe wie „praktizieren“ oder „nicht praktizieren“ vergessen sind. Der Glaube, erwacht oder angekommen zu sein, beinhaltet immer noch die Idee eines Subjektes. Auch „Buddha“ ist eine Projektion. Erleuchtung ist Verblendung. 
Jede ausgeliehene buddhistische Idee muss an der Rezeption wieder abgegeben werden.

Dirk Shodo Aleksic



Weitere Literatur:

  • Harada, Sekkei. Zen, Erwachen Zum Wahren Selbst. Heidelberg: Kristkeitz 2004
  • Huang Po. Der Geist des Zen. München: O. W. Barth 2011
  • Soseki, Muso. Gespräche Im Traum. Frankfurt: Angkor 2005
  • Weber-Brosamer, Bernhard/Back, Dieter M. Die Philosophie der Leere, Nagarjunas Mulamadhyamaka-Karikas. Wiesbaden: Harrassowitz 2005


Englisch:

  • Cleary, Christopher. Swampland Flowers: The Letters And Lectures Of Zen Master Ta Hui. New York: Grove Press, 1977
  • Cleary, Thomas. Zen Essence, The Science Of Freedom. Boston: Shambala, 2000
  • Cleary, Thomas & J. C. The Blue Cliff Record. Boston: Shambala, 2005
  • Harada, Sekkei. Unfathomable Depths, translated by Daigaku Rumme and Heiko Narrog. Boston: Wisdom Publications, 2014
  • Inoue, Gien. A Blueprint Of Enlightenment, translated by Daigaku Rumme and Keiko Ohmae. Temple Ground Press, 2020
  • Jones, Richard H. Nagarjuna, Buddhism's Most Important Philosopher. New York: Jackson Square Books, 2018
  • Price, A. F. & Wong Mou-Lam. The Diamond Sutra And The Sutra Of Hui-Neng. Boston: Shambala, 1990
  • Red Pine. The Lankavatara Sutra, Translation And Commentary. Berkeley: Counterpoint, 2012
  • Waddell, Norman. The Essential Teachings Of Zen Master Hakuin. Boston: Shambala, 1994
  • Watson, Burton. The Zen Teachings Of Master Lin-Chi. New York: Columbia University Press, 1999





Als Anhang noch ein chinesischer Klassiker, den ich jahrelang jeden Tag in einer englischen Übersetzung gelesen hatte, bevor ich dann später selbst die folgende Übersetzung aus der japanischen Version ins Deutsche versucht habe. Der Text aus dem sechsten oder siebten Jahrhundert wurde der Legende nach von Jianzhi Sengcan verfasst, der im Zen-Buddhismus als einer der ersten chinesischen Buddhas angesehen wird.


Xin Xin Ming

 Verse über den Geist der Gelassenheit    


Der buddhistische Weg ist nicht schwer, sondern besteht nur darin, keine Vorlieben zu haben. 
Wenn es weder Liebe noch Hass gibt, ist alles einfach und klar. 
Aber wenn man den kleinsten Unterschied macht, entsteht eine Trennung wie zwischen Himmel und Erde. 
Wenn man das eine dem anderen vorzieht, sieht man nicht, was man vor Augen hat. 
Der Konflikt zwischen Verlangen und Abneigung ist die Krankheit des Geistes. 
Weil die ursprüngliche Einheit aller Dinge nicht gesehen wird, ist der Frieden des Geistes gestört. 
Alles ist vollkommen wie der blaue Himmel. 
Es fehlt an nichts und es ist nichts zu viel. 
Nur weil wir das eine annehmen und das andere ablehnen, entstehen Probleme. 
Hänge weder an den Objekten der Welt noch an einer Vorstellung von Leere. 
Versuche, mit allem eins zu sein, dann verschwinden solche Gewohnheiten von selbst.
Wenn man versucht, Unruhe loszuwerden, um Ruhe zu finden, wird dadurch die Unruhe nur umso größer. 
Solange man der einen oder der anderen Seite verhaftet bleibt, sieht man nicht, dass alles eins ist. 
Und wenn man nicht im Einen lebt, findet man weder mit dem einen noch mit dem anderen Zufriedenheit. 
Wenn man das Sein erfassen will, entzieht es sich jeder Fassbarkeit. 
Wenn man Leere wahrnimmt, ist es keine Leere. 
Je mehr man redet und denkt, umso größer ist die Verwirrung.

Wenn man zum Ursprung zurückkehrt, der vor den Gedanken ist, gibt es nichts, das man nicht durchschaut. 
Wenn man Objekten und Ideen hinterherläuft, geht der Ursprung verloren. 
Auch wenn es nur die Absicht gibt, zum Ursprung zurückzukehren, entfernt man sich schon von der ursprünglichen Leere. 
Alle Objekte und Ideen, die innerhalb dieser Leere wahrgenommen werden, sind Illusionen.
Suche daher nicht nach der Wahrheit, sondern gib nur alle Meinungen auf. 
Bleibe nicht in dualistischen Sichtweisen gefangen und hör auf, nach etwas zu suchen. Wenn es auch nur die kleinste Spur von richtig oder falsch gibt, ist der Geist in einem Labyrinth verloren. 
Zwei gibt es nur, wenn es eins gibt, aber auch am Einen sollte man nicht festhalten. 
Wenn das unterscheidende Denken nicht auftaucht, ist alles unschuldig und fehlerlos und es gibt keine Probleme. 
Wenn nichts auftaucht, ist da auch kein Geist.
Wenn alle Objekte verschwinden, verschwindet auch der Geist, der sie wahrnimmt. 
Was der Geist nicht wahrnimmt, hört auf zu existieren.
Objekte existieren nur, wenn ein Subjekt sie wahrnimmt. 
Wenn man die gegenseitige Abhängigkeit der beiden versteht, sieht man, dass ursprünglich alles leer ist. 
Geist und Objekt sind nicht unterscheidbar, weil alles, was wahrgenommen wird, der Geist ist. 
Wenn man nicht zwischen gut und schlecht unterscheidet, verfällt man nicht in Einseitigkeit und Vorurteile.
Gelassenheit hat nichts mit schwer oder leicht zu tun, aber Leute mit kleinen Meinungen sind voller Ehrgeiz und Selbstzweifel. 
Je mehr man eilt, umso langsamer geht es. 
Wenn man an irgendetwas festhält, verfehlt man den Weg. 
Wenn man loslässt, ist alles so, wie es sein soll – in ständiger unaufhörlicher Veränderung.
Alles dem Lauf der Dinge zu überlassen, ist der Weg der Gelassenheit. 
Vor einem weiten Horizont verschwinden alle Sorgen und Nöte. 
Es ist die Natur des Denkens, frei zu fließen. 
In Meditation zu versinken, führt zu nichts und ist vergebliche Mühe. 
Was nützt es, mit dem einen Freund zu sein und das Andere zu meiden? 
Gelassenheit bedeutet, auch die Welt der Sinne und Gedanken nicht abzulehnen. 
Auch Sinne und Gedanken so zu akzeptieren, wie sie sind, ist der Weg des Soseins. 
Der Weise versucht nichts zu erreichen.
Der Dumme bindet sich selbst. 
Das Universum kennt keine Diskriminierung, aber wir klammern uns an dieses und jenes. Mit dem Denken das Denken kontrollieren zu wollen, ist allergrößter Unsinn. 
Aus der Verwirrung des Geistes entstehen Himmel und Hölle. 
Sich aus der Verwirrung zu befreien, heißt frei von Vorlieben und Abneigungen zu sein. 
Alle Ideen sind nichts als selbst gemachte Fantasiegebilde. 
Wie Seifenblasen – Unsinn, sie fangen zu wollen. 
Verlust und Gewinn, richtig und falsch, wirf das alles auf einmal weg. 
Wenn man immer wach ist, verschwinden alle Träume von selbst.
Wenn das unterscheidende Bewusstsein nicht auftaucht, ist alles so, wie es ist.
So, wie es ist – das ist das tiefste Mysterium. 
Es bedeutet, augenblicklich alles zu vergessen. 
Wenn man alles mit den gleichen Augen sieht, kehrt man zum Sosein zurück.
Wenn man nicht urteilt, kann man auch nichts vergleichen.
Bewegung kommt zur Ruhe, daher ist es keine absolute Bewegung. 
Aus Ruhe wird Bewegung, daher ist es nur relative Ruhe.
Das Eine beinhaltet schon das andere und beide können nicht getrennt voneinander existieren.
Konsequent zu Ende gedacht, kann man letztlich nichts definieren.
Keine Theorie erfasst die Realität. 
Wenn man mit allem eins ist, hört alles Tun auf.
Unzufriedenheit und Zweifel verschwinden und wahre Gelassenheit ist möglich.
Augenblicklich sind wir vollkommen frei, hängen an nichts und alles geschieht gemäß seiner natürlichen Funktion.
Intelligenz, Wissen, Erkenntnisse und Erfahrungen sind dann bedeutungslos. 
In der Welt des Soseins gibt es weder Selbst noch Anderes.
Um direkt in diese Welt einzutreten, sage einfach: „Nicht zwei“.
Wenn es nicht zwei gibt, ist alles gleich und nichts ist ausgeschlossen.
Die Weisen aller Zeiten haben das als Ursprung der Dinge erkannt.
Der Ursprung der Dinge hat nichts mit Zeit zu tun – ein einzelner Gedanke ist tausend Jahre.
Er hat nichts mit nah oder fern zu tun – alles liegt direkt vor unseren Augen.
Das Winzigkleine ist groß, wenn es keine Definitionen gibt.
Das Riesengroße ist klein, wenn man keine Grenzen sieht.
Sein ist Nichtsein; Nichtsein ist Sein.
Hör auf, an intellektuellem Verstehen festzuhalten.
Das Eine enthält alle Erscheinungen.
Alle Erscheinungen sind eins. 
Wenn man alles lässt, wie es ist, braucht man sich nicht über Unvollkommenheit zu sorgen.
Der Geist der Gelassenheit ist nicht dualistisch.
„Nicht Zwei“ ist der Geist der Gelassenheit.
Alle Worte verfehlen, was nicht in Raum und Zeit ist.


                                                Jianzhi Sengcan